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HARP

Und wie man Wagnern verstand! — Dieselbe Art Mensch, die für Hegel geschwärmt, schwärmt heute für Wagner; in seiner Schule schreibt man sogar Hegelisch! — Vor Allen verstand ihn der deutsche Jüngling. Die zwei Worte „unendlich“ und „Bedeutung“ genügten bereits: ihm wurde dabei auf eine unvergleichliche Weise wohl. Es ist nicht die Musik, mit der Wagner sich die Jünglinge erobert hat, es ist die „Idee“: — es ist das Räthselreiche seiner Kunst, ihr Versteckspielen unter hundert Symbolen, ihre Polychromie des Ideals, was diese Jünglinge zu Wagner führt und lockt; es ist Wagner’s Genie der Wolkenbildung, sein Greifen, Schweifen und Streifen durch die Lüfte, sein Überall und Nirgendswo, genau Dasselbe, womit sie seiner Zeit Hegel verführt und verlockt hat! — Inmitten von Wagner’s Vielheit, Fülle und Willkür sind sie wie bei sich selbst gerechtfertigt — „erlöst“ —. Sie hören mit Zittern, wie in seiner Kunst die grossen Symbole aus vernebelter Ferne mit sanftem Donner laut werden; sie sind nicht ungehalten, wenn es zeitweilig grau, grässlich und kalt in ihr zugeht. Sind sie doch sammt und sonders, gleich Wagnern selbst, verwandt mit dem schlechten Wetter, dem deutschen Wetter! Wotan ist ihr Gott: aber Wotan ist der Gott des schlechten Wetters… Sie haben Recht, diese deutschen Jünglinge, so wie sie nun einmal sind: wie könnten sie vermissen, was wir Anderen, was wir Halkyonier bei Wagnern vermissen — la gaya scienza; die leichten Füsse; Witz, Feuer, Anmuth; die grosse Logik; den Tanz der Sterne; die übermüthige Geistigkeit; die Lichtschauder des Südens; das glatte Meer — Vollkommenheit…

(Friedrich Nietzsche: „Der Fall Wagner“)

Die „halkyonischen Tage“ bezeichnen etwa vierzehn Tage in Griechenland um die Wintersonnwende, in denen es sehr windstill und das Wetter daher sehr warm und angenehm ist. Das Meer ist gut befahrbar, mit dem Wetter beruhigt sich auch das Gemüt: Gelassenheit, Ruhe und Heiterkeit stellen sich ein, ein Augenblick der Reflexion und des möglichen Neuanfangs.

Mit dem Begriff „halkyonisch“ versucht der späte Nietzsche eine Stimmung zu beschreiben, in der er sein Ideal des „Übermenschen“ verwirklicht sah – Meilen über der Welt tanzend, fröhlich und zugleich ruhig. Im Geiste Nietzsches, freilich keineswegs in seiner orthodoxen Nachfolgeschaft (eher ultraorthodox verpflichtet seinem Diktum: „Folg nur dir selber treulich nach“ [„Fröhliche Wissenschaft“ § 7]), will die „Halkyonische Assoziation für radikale Philosophie“ eine diffuse Plattform sein, um über die großen und kleinen Fragen der Philosophie zu debattieren.

„Philosophie“ soll dabei im umfassendsten Sinne verstanden werden als „Liebe zur Weisheit“. Der Begriff „Philosophie“ soll nicht aus-, sondern einschließen. Jeder, der sich über die großen und kleinen Probleme des Lebens eigenständige Gedanken macht, ist Philosoph und daher willkommen.

Trotz dieses emphatischen Bezugs auf die Philosophie gilt es ebenso, dem traditionellen Begriff von Philosophie gegenüber eine kritische Distanz zu bewahren. Allzu oft lieben die, die vorgeben, die Weisheit zu lieben, in Wahrheit etwas ganz anderes. Die Philosophie wird zur Magd herabgewürdigt – der Ideologie, der Politik, der Wirtschaft … Oder sie verkommt im akademischen Forschungsbetrieb zum Selbstzweck im schlechten Sinne. Dagegen wollen wir im Sinne einer radikalen Philosophie den Kerngehalt philosophischen Denkens bewahren: die schonungslose Kritik der herrschenden Denk- und Lebensweise. Philosophie ist darum stets rückgebunden an die konkrete Praxis, kann von dieser nicht losgelöst betrachtet werden – doch sie ist darin zugleich autonom und muss es auch sein, gerade um diese Praxis auch radikal hinterfragen zu können.

Wichtig ist uns insbesondere, zu allen traditionellen Schulen (Marxismus, analytische Philosophie, Phänomenologie, Dekonstruktion, deutscher Idealismus, Existentialismus etc.) eine gewisse Äquidistanz zu halten und erst recht zu allen ideologischen und politischen Lagern. Es soll dabei nicht darum gehen, unpolitisch in einem schlechten Sinne zu sein. Doch die politische Meinung darf den philosophischen Diskurs nicht überlagern. Radikale Philosophie in unserem Sinne hat natürlich eine genuin gesellschaftskritische und damit politische Dimension. Diese politische Dimension muss jedoch der Philosophie selbst entwachsen und darf ihr nicht gewaltsam auf- oder abgezwungen werden. Nicht zuletzt ist das Verhältnis zwischen Philosophie und Politik selbst eine Frage, die der philosophischen Reflexion bedarf. Philosophie ist vor allem eines: selbst-kritisches, sich die eigenen Grundlagen immer wieder selbst unter den Füßen wegziehendes, Denken. Oder, um es einmal banaler mit Theodor W. Adorno zu sagen: Philosophie ist „nichts anderes […] als der Gedanke, der sich nicht abbremsen läßt.“ (Ästhetische Theorie, S. 391)

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Die Metapher des „Halkyonischen“ bei Nietzsche analysiert vertiefend ein ausführlicher programmatischer Artikel von Paul Stephan für die zweite Ausgabe der Narthex.