Skip to content

Thema der Narthex 6: Sahra Wagenknecht – Der Marx des 21. Jahrhunderts

Aufgrund der großzügigen Förderung eines anonymen Mäzens sind wir schon, bevor die Arbeit an der fünften Ausgabe der Narthex ganz abgeschlossen ist, in der Lage, einen ersten Einblick in die ebenfalls schon weit fortgeschrittene sechste Nummer zu geben. Wir sind stolz, dass dieses Mal ausnahmsweise kein toter weißer Mann, sondern eine quicklebendige weise Frau mit iranischen Wurzeln im Fokus stehen wird: Sahra Wagenknecht, die wir für die bedeutendste kritische Theoretikerin der Gegenwart halten.

Hier ein erster Einblick in die bislang feststehenden Artikel – weitere Anfragen wurden bereits gestellt.

Coverentwurf zum ersten Teilheft der Narthex 6.

Das Heft wird dieses Mal aus zwei jeweils etwa 120 Seiten starken Einzelnummern besten. Das erste Teilheft wird sich ganz Sahra Wagenknecht selbst widmen. Wir hatten die Gelegenheit, über mehrere Tage hinweg einen Dialog mit ihr zu führen, den wir in voller Länge abdrucken werden. Von Thales bis Meillassoux gehen wir gemeinsam mit ihr die gesamte Philosophiegeschichte durch und befragen sie zu ihrem Urteil zu den bedeutendsten Figuren. Sie gibt sich dabei als Kennerin nicht nur der europäischen Philosophie zu erkennen, sondern auch der arabischen. Ihre politische Theorie sei nicht nur stark von Marx und Hegel beeinflusst – im Hintergrund stehe stets die Metaphysik Avicennas. Um ihn besser zu verstehen, habe sie sogar angefangen, Arabisch zu lernen, und übe es fleißig mit einem Tandempartner, der aus Syrien geflüchtet ist. Sie plane ihren Rückzug aus der Politik, den sie u. a. dazu nutzen will, an einer anstehenden Neuübersetzung der Werke Avicennas mitzuwirken, deren oftmals sublimer gesellschaftskritischer Gehalt von den bisherigen Versuchen in diese Richtung oftmals unterschlagen werde. Noch wichtiger sei ihr jedoch, an ihrem magnum opus zu arbeiten, einer auf drei Bände angelegten Analyse des gegenwärtigen Gesellschaftssystems. Gebannt lauschten wir ihren oftmals mehrstündigen Monologen, die sich um sämtliche Grundfragen unserer Zeit drehten. Während sie in ihren bisherigen Schriften teilweise noch oberflächlich blieb, will sie ihre politischen Ansichten nun, wie sie selbst sagt, auf ein „metaphysisches Fundament stellen, dass eine Synthese aus Avicenna und einem von Marx belehrten Hegel“ darstellt. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, die Ansätze ihres bahnbrechenden Denksystems bereits jetzt vorwegzunehmen. Es sei hier nur so viel verraten: Es handelt sich um eine umfassende Neubegründung der kritischen Theorie, die auch die linke Praxis auf ein völlig neues Niveau zu heben verspricht. Fortan gilt mehr denn je: Mit Wagenknecht siegen – gegen Wagenknecht untergehen. Mit dieser Philosophie im Rücken trotzen wir, tapfer voranstürmend, Neoliberalismus, regressiver Linken und Neuer Rechten! Es kann nun keinen Raum für Abweichung mehr geben!

 

Im zweiten Teilband des Heftes werden wir dann – auch wenn sie im Grunde unnötig sind – einige erläuternde Kommentare zu Wagenknechts Überlegungen abdrucken. Wie gewohnt werden wir auch kritische Stimmen zulassen, solange sie eine gefestigte wagenknechtianische Grundhaltung erkennen lassen.

(Continued)

Subtile Jagden – Nietzsche and the Wagners auf der HARP-Gala

Die offizielle Stellungnahme der Redaktion der Narthex zum Votum des Conne Island-Plenums, dass die von ihr eingeladene Band Nietzsche and the Wagners nicht wie geplant bei der Gala zu ihrem 5. Geburtstag auftreten durfte. Sie erscheint ebenso in der April-Ausgabe des Newsflyers des Conne Island.

 

Offenbar haben Nietzsche and the Wagners einen empfindlichen Punkt getroffen, denn seit fast zwei Jahren werden sie von linken Läden in Leipzig immer wieder ausgeladen. Die Geschichte begann mit dem Atari begim Oktober 2017, als ihr dort geplanter Auftritt kurz vorher abgesagt worden ist und der Laden einen längeren Begründungstext auf seine Website stellte.1)http://bildet-laeden.de/1835/unser-statement-zur-konzertabsage-fur-nietzsche-and-the-wagners/Weitere Absagen und sogar Gewaltandrohungen folgten laut einer Stellungnahme der Band.2)https://www.facebook.com/events/355641368372798/?active_tab=discussion Anlässlich des fünften Geburtstags der HARP, auf dem die Band spielen sollte, wurde die Band auch vom Conne Island-Plenum ausgeladen. Dabei schien der Fall geklärt, als das Plenum im direkten Gespräch mit der Band seine Bedenken aufgab und den Auftritt erlaubte – allerdings nur, um ihn kurz darauf wenige Tage vor der Veranstaltung wieder abzusagen. Ein Auftritt, den das Plenum nicht organisiert hat, und bei dem das Conne Island nicht als Veranstalter fungiert. Begründung war, dass genau zu diesem Zeitpunkt seitens des Atari publik gemacht wurde, dass die Band eine Anzeige gegen den Laden erstattet hatte, weil der Text aus ihrer Sicht juristisch fragwürdig gewesen sei – eine Sichtweise, die die ermittelnde Staatsanwaltschaft nicht teilte. Auch wir meinen, dass es von der Band nicht gerade klug war, diesen Schritt zu gehen – einen Grund für eine Ausladung hätten wir darin jedoch nicht gesehen: Es muss in Ordnung sein, sich gegen Verleumdungen zur Wehr zu setzen, die einem schaden, auch mit juristischen Mitteln und auch, wenn es gegen einen linken Laden geht. Zumal es auch bei diesem Punkt nicht um die Musik der Band ging, sondern nur ihr Verhalten: das auch in diesem Fall nicht auf eine rechte Gesinnung schließen lässt, sondern nur um die Sorge darum, dass das Image der Band Schaden erleidet, wenn sie öffentlich in einem eher suggerierenden als argumentierenden Text als ‚rechtsoffen‘ bezeichnet wird.

Was fürchten denn Conne Island und Atari zu verlieren, wenn Nietzsche and the Wagners spielen? (Continued)

References   [ + ]

Barbara Holland-Cunz über Marx(ismus) und Feminismus

Als kleines Geschenk zum diesjährigen Weltfrauentag und als Geburtstagsgeschenk an unsere treuen Unterstützerinnen und Unterstützer stellen wir einen passenden Auszug aus der Narthex 4, nämlich unseren E-Mail-Dialog mit der Gießener Professorin Barbara Holland-Cunz, nun kostenlos zum Download zur Verfügung. Wir haben mit ihr über brisante Fragen der gegenwärtigen linken und feministischen Debatten gesprochen, u. a. den Band Beißreflexe, die Relevanz materialistischer Theoriebildung, die Rolle von Friedrich Engels als oftmals unterschlagenem Vordenker eines, wie man heute sagen würde, „intersektionalen“ Feminismus und die Utopie einer Rückkehr des ‚Urmatriarchats‘ (vgl. hierzu einen älteren Text von Paul Stephan auf dem HARPblog; dort finden sich auch zahlreiche weitere Artikel zum Thema Feminismus).

Link zum Dialog

Die Philosophie ist immer noch eine krasse Männerdomäne, entsprechend sind auch wir (leider) ein eher männlich dominiertes Projekt; bedeutende Philosophen wie selbst Kant haben Frauen immer wieder die Fähigkeit abgesprochen, philosophisch zu denken. Viele Frauen, die Wichtiges zur Philosophie beitrugen, wurden bewusst verschwiegen. Man denke etwa an die Protofeministin Marie le Jars de Gournay, die u. a. den immer noch lesenswerten Grief des Dames, die „Klage der Frauen“, verfasste, in dem sie sich wortgewandt über eben jene Ausgrenzung beschwert:

Bienheureux es-tu, lecteur, si tu n’es point de ce sexe, qu’on interdict de tous les biens, l’interdisant de la liberté : ouy qu’on interdict encore à peu pres, de toutes les vertus, luy soustrayant le pouvoir, en la moderation duquel la pluspart, d’elles se forment ; afin de luy constituer pour seule felicité, pour vertus souveraines et seules, ignorer, faire le sot et servir. (Quelle)

Sie spottet:

Cetuy-là disant trente sottises, emportera le prix encore par sa barbe. Cestuy-cy sera frappé qui n’a pas l’entendement de le sentir d’une main de femme : et tel autre le sent, qui tourne le discours en risee, ou bien en escopeterie de caquet perpetuel, sans donner place aux responces : ou il le tourne ailleurs, et se met à vomir plaisamment force belles choses qu’on ne luy demande pas.

Sie gab die Schriften ihres Mentors Montaigne heraus und versah sie mit einem beachtlichen Vorwort, ohne sie wäre Montaigne wohl kaum berühmt geworden. Erst 1989 erschien jedoch wieder eine Ausgabe von Montaignes Essays, die es enthielt. Und das ist nur ein Beispiel von vielen.

Wir finden es gut, dass sich daran viel geändert hat und in den nächsten Jahren sicher noch viel ändern wird.

Dem Eisvogel. Eine Gala // Feier zum 5-jährigen Bestehen der HARP am 10. März im Conne Island (Leipzig)

Hier redet kein „Prophet“, keiner jener schauerlichen Zwitter von Krankheit und Willen zur Macht, die man Religionsstifter nennt. Man muss vor Allem den Ton, der aus diesem Munde kommt, diesen halkyonischen Ton richtig hören, um dem Sinn seiner Weisheit nicht erbarmungswürdig Unrecht zu thun. „Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen, Gedanken, die mit Taubenfüssen kommen, lenken die Welt —“

(Friedrich Nietzsche, Ecce homo)

Die Halkyonische Assoziation für radikale Philosophie existiert – wir wollen es selbst kaum glauben – nun schon seit fünf Jahren: Am 16. Februar 2014 erfolgte gewissermaßen ihre ‚virtuelle Gründung‘ durch die Einrichtung unserer Internetseite, die sich seitdem – was das grundsätzliche Layout angeht – nicht wesentlich geändert hat. Hinzu kam nach etwa einem Jahr unser Blog – und am 25. 1. 2015 erschien zum ersten Mal unsere Zeitschrift Narthex. Heft für radikales Denken, die seitdem jährlich herauskam.

Zwischendurch organisierten wir soviele Vortragsveranstaltungen, Workshops und Lesekreise, dass wir sie an dieser Stelle kaum einzeln auflisten können (vgl. unsere Chronik, die das versucht). Ein ganz besonderer Höhepunkt war dabei das Philosophiefestival Das Eselsfest, das im August 2015 stattfand und im Jahr 2017 einmal fortgesetzt wurde. Es ging dabei jeweils darum, Philosophie, Kunst und Techno bzw. Punk in einen produktiven Dialog treten zu lassen.

Kurzum: Es waren fünf ereignis- und, wie wir hoffen, auch erkenntnisreiche Jahre, die wir am 10. März 2019 mit einer kleinen unserem Maskottchen, dem Eisvogel, gewidmeten Gala begehen wollen. Wie in der Vergangenheit wollen wir dabei die Philosophie nicht für sich stehen lassen, sondern mit anderen Formen des ‚Geistes‘ (ein hohes Wort!) wie Musik und Literatur in Verbindung bringen.

Alles soll sich dabei um unseren Leitbegriff des „Halkyonischen“ drehen, den wir selbst sowie zwei Nietzsche-Forscher aus ihrer je eigenen Perspektive erläutern werden. Das „Halkyonische“ bezeichnet bei Nietzsche eine Stimmung der Ruhe und geradezu Weltfremdheit. Nietzsche spricht dabei von einer höchsten Bejahung der Welt – was freilich nicht mit einer politischen oder moralischen Affirmation verwechselt werden darf, sondern eine ästhetisch-existentielle Grundhaltung bezeichnet; die Welt soll eben nicht als Teilnehmer, sondern als Zuschauer betrachtet werden. Die Bejahung soll so einen intensiveren Weltbezug ermöglichen als die hastige Verstricktheit, die eine solch umfassende Weltbejahung gerade verstellt. Das erscheint uns als ein geeignetes Bild für ein radikales gesellschaftskritisches Philosophieren, das gegenwärtig durch akademische, ökonomische oder politische Vereinnahmungsversuche der Philosophie massiv gefährdet wird. Vergleichbares gilt für die Kunst. Ähnlich gefährdet wie es, im ökologischen Sinne, der Eisvogel ist, der nur mehr in kleinen Reservaten zu überlegen vermag. Wo existieren solche Reservate heute noch und wie können wir sie erneuern, ausbauen und erweitern? Das soll eine der Grundfragen des Abends sein – nicht nur theoretisch, sondern auch in der Praxis selbst. (Vgl. hierzu auch den programmatischen Artikel von Paul Stephan in der zweiten Ausgabe der Narthex.)

 

(Continued)

N. meets N. meets N. – Ein Facebookchat über personale Authentizität

Die Narthex lädt den Nietzscheforscher Christian Niemeyer, emeritierter Professor für Sozialpädagogik und Autor zahlreicher Forschungsbeiträge zu verschiedensten Themen,1)Vor etwa einem halben Jahr war er bei uns mit einem Vortrag zum Identitätsbegriff bei Nietzsche zu Gast. ein, über das Thema der kommenden Ausgabe einen Facebookchat zu führen – öffentlich und mit der Möglichkeit für virtuelle Zwischenrufe. Das Experiment umfasst zwei Teile: Eine intensive Chatsitzung über zwei Stunden am 9. 2. um 20 Uhr gefolgt von der Möglichkeit, eine Woche lang nochmal nachzuhaken. Wir wollen schließlich über komplexe Themen diskutieren, die womöglich etwas mehr Bedenkzeit erfordern. Herauszufinden gilt es insbesondere, ob sich Facebook – oftmals gerade als Ort der unauthentischen, auf nichts als Selbstdarstellung und Rechthaberei bedachten Kommunikation verschrien – auch als Medium für einen authentischen, produktiven Austauschen nutzen lassen kann.

 

Link zur Veranstaltung auf Facebook.

 

Nietzsche ist mit seinem Leitspruch „Werde, der Du bist“ sicherlich als einer der bedeutendsten Impulsgeber des Authentizitätsdenkens zu begreifen und wirkte auch dementsprechend. Gleichzeitig betonen gerade in jüngerer Zeit zahlreiche Interpreten die Bedeutung der Maskerade für Nietzsche und verstehen ihn als Vertreter einer Ethik der Unauthentizität. Wie geht das zusammen? Mit Christian Niemeyer – der insbesondere auch zu Nietzsches Biographie geforscht hat – wollen wir nicht zuletzt besprechen, inwiefern Nietzsche diesem Leitspruch selbst gerecht worden ist.

Einer der wichtigsten Wirkungsstränge Nietzsches im Sinne des Authentizitätsdenkens war dabei die Jugend- oder auch Lebensreformbewegung, die ab etwa 1900 ausgehend von einer Kritik am städtischen modernen Leben eine Rückkehr zur Natur propagierte. Man ging etwa gemeinsam wandern, sang Lieder, versuchte sich natürlich zu ernähren und zelebrierte den nackten, sportlichen Körper als Inbegriff von unverfälschter Schönheit. Christian Niemeyer hat zu diesem Phänomen intensiv geforscht und die Auffassung vertreten, dass es eine direkte Kontinuität zwischen dieser Bewegung und der Hitlerjugend gäbe. Wirft das nicht auch einen Schatten auf das Authentizitätsideal selbst?

Zu guter Letzt wollen wir Christian Niemeyer als Erziehungswissenschaftler befragen, inwiefern Authentizität – und damit auch die Philosophie Nietzsches – heute eine Relevanz für die Pädagogik hat. Soll und kann Erziehung eine Erziehung zur Authentizität sein? In seinen Publikationen plädiert Christian Niemeyer insbesondere dafür, ein emanzipiertes Verhältnis zur eigenen Sexualität in den Mittelpunkt der Erziehung zu rücken.

 

References   [ + ]

1. Vor etwa einem halben Jahr war er bei uns mit einem Vortrag zum Identitätsbegriff bei Nietzsche zu Gast.

Dokumentation der Vortragsreihe „Identitätskrise“

 
Hier kann der komplette Mitschnitt der Vortragsreihe Identitätskrise, die im Juni im Conne Island in Leipzig stattfand, nachgehört werden. Der Referent Benjamin Kaiser hat dankenswerterweise sein Handout zum Download zur Verfügung gestellt, Paul Stephan sein Vortragsskript. Paul Stephan hat darüber hinaus seine im Vortrag geübte Kritik an Emanuel Kapfingers Kritik am Authentizitätsideal zu einem separaten Artikel auf dem HARPblog ausformuliert, der seine Grundthese nochmal in etwas anderen Worten zusammenfasst.
 
Wir wünschen ein entdeckungsreiches Nachhören und -lesen.
 

Eos-Preis für philosophische Essayistik zur Frage: „Gibt es personale Authentizität – und wenn ja, ist sie erstrebenswert?“

„Das Große ist nicht dies oder das zu sein, sondern man selbst zu sein.“ (Søren Kierkegaard)

„Werde, der du bist!“ (Friedrich Nietzsche)

Alles wirklich Wertvolle kommt nicht aus dem Ehrgeiz oder aus dem Pflichtgefühl, sondern aus der Liebe und Devotion gegenüber Menschen und objektiven Dingen.“ (Albert Einstein)

„Man wundert sich, dass nicht massenhaft Menschen in dieser Zwickmühle durchdrehen: Einerseits heißt es, man solle sich selbst immerzu inszenieren und permanent neu erfinden, andererseits wird verlangt, man müsse dabei unbedingt und stets man selbst, also ‚authentisch‘ bleiben! So wird die Jagd nach einem echten Ich zur regelrechten Obsession.“ (Christian Saehrendt)

 

„Authentizität“ ist ein ebenso komplexer wie auch facettenreicher Begriff. Man spricht von authentischen Kunstwerken, von authentischen Gefühlen, von authentischen Zeugenaussagen, authentischem Essen, authentischen Schlüsseln oder authentischen Urlaubsorten. Bei all diesen Formen von Authentizität stellt sich die Frage, wie sie sich genau definieren und beurteilen lässt. Was unterscheidet etwa ein „authentisches“ italienisches Eis von einem „unauthentischen“? Sind Kunstwerke nicht deshalb gut, weil sie gut sind, unabhängig davon, ob sie in irgendeinem Sinne „echt“ sind? Und wie kann ich mir jemals sicher sein, ob das Gefühl, dass ich gerade empfinde, wirklich „von mir“ stammt, oder auf meine kulturelle Prägung oder andere äußerliche Faktoren zurückzuführen ist?

Besonders umstritten ist jedoch die Vorstellung einer personalen Authentizität. In unserer Gesellschaft wird es oft verlangt, dass wir uns als „authentische Personen“ beweisen – sei es im Vorstellungsgespräch, beim ersten Date oder eben im Kunstbetrieb. „Authentizität“ ist dabei zu einem von vielen Bildern besetzten Konzept geworden, das längst die Plakate von Zigarettenfirmen, Brauereien und Modelabels ziert. Oft wird Authentizität mit Natürlichkeit assoziiert – aber ist man noch authentisch, wenn man nur einem solchen Stereotyp von Authentizität folgt? Und wie ginge es anders? Wer bin ich, was kann ich, was will ich? Wie kann ich darauf jemals eine abschließende Antwort finden?

Gibt es überhaupt so etwas wie eine einheitliche Person, die authentisch sein könnte oder nicht? Oder ist jede Person notwendig nichts weiter eine Assemblage von Masken, hinter denen sich überhaupt kein „wahres Gesicht“ verbirgt? Ist das Ideal der Authentizität mithin eine reine Fiktion, der noch dazu eine die Menschen kontrollierende und disziplinierende Funktion zukommt?

Es darf jedoch nicht übersehen werden, dass das Ideal personaler Authentizität ursprünglich als kritisches Gegenbild zu einer als verlogen und repressiv wahrgenommenen Lebenswelt ersonnen worden ist, in der sich die Menschen nicht nur wechselseitig, sondern auch selbst über ihre wahren Absichten und Bedürfnisse belogen hätten. Besitzt diese Art der Kulturkritik nicht nach wie vor eine große Aktualität – oder sind wir vielleicht sogar zu authentisch und sollten wieder lernen, nicht allzu sehr in unseren eigenen Abgründen zu bohren? … (Continued)

Die Narthex sucht redaktionellen Zuwachs

Um was geht es?

Das Organ der Halkyonischen Assoziation für radikale Philosophie, Narthex. Heft für radikales Denken, erweitert seine gegenwärtig vierköpfige Redaktion. Wir rufen daher alle Interessierten auf, uns bis zum 31. 10. 2018 einen kurzen Bewerbungstext zukommen zu lassen, aus dem eure Motivation, eure Themenschwerpunkte, bisherige Erfahrungen (z. B. in ähnlichen Projekten) sowie eine Vorstellung, welche Aufgaben ihr gerne übernehmen würdet, hervorgehen. Unsere E-Mail-Adresse: harp [at] riseup.net

 

Wer sind wir?

Die Narthex gibt es seit 2014, sie ist eine jährlich erscheinende Philosophiezeitschrift, die in einer Auflage von etwa 500 Stück erscheint und im gesamten deutschsprachigen Raum vertrieben wird. Die Halkyonische Assoziation für radikale Philosophie ist eine ebenfalls seit 2014 bestehende Vereinigung von Philosophieinteressierten, die vor allem in Leipzig und Frankfurt am Main bereits zahlreiche Vorträge, Tagungen und Workshops organisiert hat und unter dem Schutz unseres Wappentiers, dem Eisvogel (gr. Halkyon), der kritischen philosophischen Reflexion gegenwärtiger gesellschaftlicher Probleme verpflichtet ist. Der Name unseres Hefts leitet sich ebenfalls aus dem Griechischen ab und bedeutet ‚Riesenfenchel‘, wir spielen damit auf den mythischen Feuerraub des Prometheus an als Fanal der Aufklärung.

Wir haben uns in unseren Heften u. a. den Schwerpunktthemen Subjekt- und Religionskritik, Nietzsche und Marx gewidmet und versuchen sowohl jungen als auch etablierten Autoren und Autorinnen die Möglichkeit zu geben, ihre Gedanken einem größeren Publikum mitzuteilen. Das waren in der Vergangenheit zum Beispiel Hartmut Rosa, Thomas Seibert, Barbara Holland-Cunz und Achim Szepanski. Neben klassischen Essays veröffentlichen wir auch andere Textformen wie Comics, experimentelle Collagen und Interviews. Gegenwärtig arbeiten wir an der fünften Ausgabe, die sich dem Thema Authentizität widmen soll. (Continued)

Identitätskrise – Eine Vortragsreihe in Leipzig am 21. & 26. 6. 2018

Identitätskrise

Drei kritische Interventionen

 

Der Begriff der „Identität“ ist selbst identitär aufgeladen. Gilt er den einen als Gegenbegriff zu moderner Dekadenz und Sittenverfall, gilt er den anderen als Teufelszeug, das es rundherum abzulehnen gälte. Die einen sehen das Abendland in einer Identitätskrise versinken, die anderen erblicken in ihr die Chance eines postidentitären Aufbruchs. Auch von linker Seite wird das Konzept einer „Identitätspolitik“ von manchen als Werkzeug postmodernen Widerstands betrachtet, von anderen als Annäherung an rechte Identitätsverklärung kritisiert.

In drei Vorträgen will sich diese Reihe kritisch mit dem Konzept der „Identität“ vor dem Hintergrund des Erstarkens identitärer Bewegungen in der Region Leipzig und weltweit auseinandersetzen. Die gewählten Perspektiven sind dabei so vielfältig wie das Thema selbst. Am 21. 6. möchten Paul Stephan und Benjamin Kaiser jeweils eine Kritik an diesem Konzept mit dem Versuch verknüpfen, ein Gegenmodell dazu vorzuschlagen. Paul Stephan möchte in seinem Vortrag zu diesem Zweck den Begriff der Authentizität ins Spiel bringen und Thesen für eine anti-identitäre Bewegung zur Diskussion stellen. Benjamin Kaiser plädiert in seinem Vortrag mit Emmanuel Levinas für eine „Kleine Identität“ als Gegenmodell zu der „großen“ der identitären Bewegung. Am 26. 6. nimmt Christian Niemeyer die Identitätskrise Friedrich Nietzsches nach der Wagnerära resp. den „Fall Nietzsche(s)“ zum Aufhänger für seine Antwort auf die Frage, warum da einer nicht wurde, wer er ist: Nietzsche.

Die Vortragsabende beginnen jeweils um 19 Uhr und finden im Conne Island in Leipzig statt.

Die Veranstaltung wird gefördert vom FSR Politikwissenschaft und dem StuRa der Universität Leipzig.

(Continued)

Stellungnahme der Redaktion der „Narthex“ zum Editorial des CEE IEH-Newsflyers vom März/April 2018

Die Redaktion des vom Conne Island herausgebenen Newsflyers hatte im Editorial der März/April-Ausgabe gegen die Releaseveranstaltung der Narthex 4 polemisiert und unseren Ankündigungstext nicht abgedruckt. Mittlerweile wurde klargestellt, dass es sich bei Letzterem um ein Versehen handelte, und es wurde folgende Replik unsererseits in der aktuellen Ausgabe des Newsflyers veröffentlicht.

 

Im Frühling blühen die Narzissen

Eine Replik der Redaktion der Zeitschrift Narthex

 

Vorneweg: Wir finden es in Ordnung, wenn die Redaktion eines Organs wie des CEE IEH Newsflyers das Editorial nutzt, um polemisch gegen eine im Conne Island stattfindende Veranstaltung zu schießen. Die Redaktion des Newsflyers hat uns schließlich nicht eingeladen (wie übrigens auch das CI als Gesamtprojekt nicht – wir haben den Raum vielmehr von uns aus angefragt). Was wir nicht okay finden, ist, wenn, wie geschehen, gleichzeitig der von uns eingesandte Vorstellungstext nicht abgedruckt wird und uns die Chance einer fairen Selbstdarstellung so genommen wird. Im Endresultat wird unsere Releaseveranstaltung wie auch unsere Zeitschrift insgesamt in ein völlig falsches Licht gerückt. Diese Falschdarstellung unseres Projekts und unseres Anliegens soll nun zurechtgerückt werden.

Der Rahmen, in den unsere Zeitschrift gestellt wird, ist die Diskussion darüber, ob man aus emanzipatorischer Sicht eher für eine Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten votieren (insbesondere wegen der ‚Spätis‘) oder darin, wie die Redaktion des Newsflyers, eine Kampagne neoliberaler Kapitalisten erblicken sollte, die es abzulehnen gilt. Der ersteren Fraktion werden wir zugeschlagen mitsamt den Leipziger Jungen Liberalen und der HHL Leipzig Graduate School of Management.

In der Tat hielt bei der thematisierten Release-Veranstaltung Paul Stephan, der selbst Mitglied der Redaktion ist, einen Vortrag auf der Basis seines in unserer aktuellen Ausgabe marX. Politische, Ökonomie, Philosophie abgedruckten Artikels Jenseits des Leistungsprinzips. Das Lumpenproletariat als aktuelles Problem, in dem er dafür argumentiert, den Markt aus einer emanzipatorischen Perspektive nicht einfach zu verteufeln, sondern sein selbst emanzipatorisches Potential anzuerkennen. Eine simple Marktablehnung sei demgegenüber regressiv. Sein Kernpunkt lautet dabei, dass der Vorteil des Marktes ist, individuellen Narzissmus – wie er nun einmal ein Faktum ist – nicht einfach nur zu unterdrücken oder zügellos zu entfesseln, sondern ihn zu kultivieren und nutzbar für das Allgemeinwohl zu machen. Um das Beispiel der Redaktion des Newsflyers aufzugreifen: Es gibt offenbar ein starkes gesellschaftliches Bedürfnis danach, auch noch nachts und an Sonn- und Feiertagen Lebensmittel, Tabak und Spirituosen zu erwerben. Zugleich gibt es aber ein Bedürfnis danach, möglichst wenig zu arbeiten und erst recht nicht zu diesen Zeiten. Da der Extraprofit, den die ‚Spätis‘ offensichtlich erwirtschaften können, so hoch ist, finden sich trotzdem einige Leute, die bereit sind, ihre Läden auch zu diesen Zeiten aufzumachen – und dabei sogar staatliche Repression in Kauf zu nehmen. Nicht, weil sie denjenigen, die zu diesen Zeiten gerne etwas einkaufen wollen, einen Gefallen tun wollen oder weil es ihnen irgendwer befehlen müsste – sie agieren vielmehr aus in zweckrationales Handeln übersetztem Eigennutz heraus. Sie sind so faul und eitel wie alle anderen auch – doch der Markt legt ihnen nahe, ihre Faulheit und Eitelkeit zu überwinden, um dafür jedoch letztendlich ökonomisch entschädigt zu werden und zu anderen Zeiten faul sein und ihrer individuellen Eitelkeit frönen zu können. Auch die Redakteure des Newsflyer werden wohl ab und an ihren Nutzen daraus ziehen und sich noch um 1 Uhr nachts ein Bier im ‚Späti‘ um die Ecke holen.

Das ist das Tolle am Markt: Sobald irgendein Bedürfnis auftritt, hinter dem eine halbwegs zahlungskräftige Nachfrage steht, wird sich irgendein findiger Geschäftsmann oder eine clevere Geschäftsfrau finden, der oder die es befriedigt. Der Staat und andere Autoritäten bleiben demgegenüber oft machtlos. ‚Toll‘ ist dabei doppelsinnig zu nehmen: Natürlich gehen mit dieser Entfesselung der Bedürfnisse auch viele Probleme einher. Der Markt ver–rückt die Welt, der Unternehmer ist der Unruhestifter par excellence. Und natürlich macht er dabei auch vor der Sonntags- und Nachtruhe nicht Halt.

Der Markt entfesselt die Bedürfnisse. Die führt nun allerdings in der Tat zu Interessengegensätzen: Das Bedürfnis derer, die gerne noch spät einkaufen wollen, und das derer, bei denen sie einkaufen, kollidiert mit dem derjenigen, die in diesen Läden lohnarbeiten müssen und vom erwähnten Extraprofit somit nur vermittelt profitieren. Hinzu kommt das allgemeine Bedürfnis nach geregelten Arbeits- und Ruhezeiten. Auch wenn die Empirie zeigt, dass auch sehr liberale Öffnungszeitengesetze mitnichten dazu führen, dass darum auch rund um die Uhr Geschäftigkeit herrscht (was auch nicht im Interesse der Unternehmer an einer ausgeruhten Belegschaft liegen kann), lässt sich nur schwerlich bestreiten, dass es hier nicht doch staatlichen Eingriffs und gewerkschaftlichen Kampfs bedarf.

Womit wir mitten im Thema wären, das uns als Gesamtredaktion eigentlich interessiert und das wir bei unserer Releaseveranstaltung diskutiert haben: den Klassenkampf, den als Grundgesetz aller geschichtlichen Entwicklung erkannt zu haben einer der großen Verdienste von Marx ist. Während Paul Stephan gewissermaßen die Partei des Unternehmertums vertrat (wobei sich im Verlauf der Diskussion klar herausstellte, dass er sich selbst eher als Marktsozialisten denn als Freihandelsliberalen bezeichnen würde), widmete sich der zweite Vortrag von Hans Stephan Marx’ und Engels Gewerkschaften und vertrat gewissermaßen den Standpunkt des Proletariats. Und das Heft selbst umfasst zehn weitere Artikel und Interviews, die sich alle aus unterschiedlichsten Perspektiven heraus mit „marX“ befassen. Hätte die Redaktion des Newsflyers den von uns eingereichten Selbstdarstellungstext oder auch nur mehr als den letzten Absatz des Ankündigungstextes unserer Veranstaltung gelesen, wäre das schnell klar geworden.

Das Anliegen unseres Heftes ist so oder so, die Eintönigkeit, mit der Marx oft diskutiert wird, hinter uns zu lassen und Marx als lebendigen Dialogpartner zu behandeln, den es nicht nur auszulegen, sondern den es auch anzugreifen und zu kritisieren gilt. Es gilt dabei v. a., ihn einfach mal ernst zu nehmen: Denn ob Marx nicht selbst für eine Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten Partei ergriffen hätte, ist überhaupt nicht ausgemacht. Im Gegenteil hätte er sie wahrscheinlich sogar als Fortschritt der Kapitalisierung der Welt, die er mit einem Fortschritt in der allgemeinen Emanzipation der Menschheit für identisch hielt – so bürgerlich und liberal war Marx – begrüßt und gegen konservative Bedenkträgerei verteidigt.

Sich einzelne Sätze aus irgendwelchen Texten herauszugreifen und von diesen ausgehend dann eine Feindbestimmung vorzunehmen – das ist eine leichte Übung und unsere Sache nicht. Wir wollen lieber von der Sache her denken und von dieser her gedacht auch widerstreitenden Perspektiven auf denselben Gegenstand Raum geben, um den Widerstreit überhaupt erst einmal kenntlich zu machen und seinen Austrag zu ermöglichen. Das ist uns in unserer Releaseveranstaltung wie auch dem Heft, denken wir, gelungen. Es ist schade, dass die Redaktion des Newsflyers mit der dadurch erzeugten Vieldeutigkeit nicht umzugehen wusste und uns gleich den Stempel ‚Feind‘ aufdrücken musste – und uns dementsprechend feindselig behandelte. Leider ist dies eine in der Linken oft zu beobachtende Vorgehensweise. Man kann dies auch auf den Begriff der Dummheit bringen – die moralisch verwerflich wird, sobald sie selbst gewählt ist. Wir halten es dagegen mit der Philosophie als „der Gedanke, der sich nicht abbremsen lässt.“ (Adorno)

Wer mehr über die Zeitschrift Narthex und unser Projekt als Ganzes erfahren möchte, dem sei unsere Internetseite empfohlen: harp.tf.