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Vortragsreihe im WiSe 21/22: Einführung in radikale Philosophie

Einführung in radikale Philosophie

Die Lieblingsphilosophen der HARP

Jeden Donnerstag um 20 Uhr 15

21. 10. 2021 – 3. 2. 2022

 

In dieser Reihe wollen wir, Philosophinnen und Philosophen aus dem Umfeld der Halkyonischen Assoziation für radikale Philosophie, in elf längeren Vorträgen einige derjenigen Denker vorstellen, die unseres Erachtens besonders wichtig sind für eine „radikale Philosophie“ der Gegenwart: Aristoteles, Hobbes, Rousseau, Hegel, Schelling, Nietzsche, Heidegger, Bloch, Adorno, Marcuse und Sloterdijk. Alle diese Philosophen haben sich auf ihre eigene Weise um die grundsätzliche Kritik ihrer Zeit verdient gemacht und die Fackel der Aufklärung weitergereicht.

Die Vorträge sollen jeweils zu den genannten Terminen auf unserem Youtube-Kanal übertragen werden, im Anschluss kann man noch per Zoom über den Vortrag diskutieren. Wer an den Diskussionen teilnehmen möchte, soll sich bitte mit einer kurzen Mail an harp [at] riseup.net (oder auch dort) anmelden.

 

21. 10.: Sein, Wesen, Können – Die Philosophie des Aristoteles

Referent: Dr. Emanuel Seitz

Aristoteles ist ein Lehrer der Menschheit. Mit ihm wird die Philosophie weitläufig und erobert sich die Welt als Ganzes. Er hatte zu allem etwas zu sagen, erfand die Logik und die Dialektik, die Wissenschaft und die Metaphysik, er suchte nach festen Grundsätzen für die Naturphilosophie, die Ethik und die Politik – und selbst für die Poetik und die Rhetorik findet man in seinem ausladenden Werk exemplarische Vorbilder. Seine Wirkung hält ununterbrochen an, seit über zweitausend Jahren.

Wie in jeder echten Philosophie, so zeigt sich der Charakter eines Denkers in wenigen grundsätzlichen Begriffen und Sätzen. Bei Aristoteles lautet dieser Satz: to on pollachos – das Sein ist vielfältig. Und weil diese Vielfalt existiert, weil es so viele Arten gibt, etwas als seiend anzusprechen, weil die Welt komplex und undurchsichtig ist, bedarf es einer Schulung des Wissens, der Technik, der Weisheit und der Klugheit, um das Ganze und die jeweilige Einheit des Gegebenen zu erkennen und verfügbar zu machen.

Die Vorlesung gibt einen Überblick über das Gesamtwerk des Stagiriten und greift drei Probleme heraus, gegen die es in der zeitgenössischen Denk-Kultur oder der kultivierten Gedankenlosigkeit vielleicht die meisten Vorbehalte gibt: das Sein, das Wesen und das Können. Es ist eine Rückkehr zu den Quellen und Ursprüngen des Denkens selbst.

 

28. 10.: Thomas Hobbes – Der Staat more geometrico

Referent: Alexander Görlitz

Thomas Hobbes, das Monster von Malmesbury, ist vor allem für seine politische Philosophie bekannt. In der Trias Hobbes, Locke und Rousseau gilt er als einer der wichtigsten Vertreter der Theorie des Gesellschaftsvertrags. In der Forschung wird er häufig unmittelbar in diesem Zusammenhang verstanden oder im Kontext der englischen Politik gelesen, die sich mit dem englischen Bürgerkrieg, der Hinrichtung des Königs, dem republikanischen Commonwealth und der nachfolgenden Restauration in einer konfliktreichen Umbruchphase befand.

Der Vortrag will einen anderen Zugang zu Hobbes’ Philosophie erkunden. Dieser beginnt mit der Ablehnung der aristotelischen Philosophie und dem Versuch, ein neues System auf den Errungenschaften der Naturwissenschaften der Frühen Neuzeit zu gründen. Es soll Hobbes in die Gesellschaft von Galilei und Kopernikus stellen, so wie er sich zu Lebzeiten auch verstanden hat. Dabei ist er der Einzige unter den Protagonisten der Nova Scientia, der die politischen Auswirkungen der neuen Wissenschaft systematisch reflektiert.

Neben einer Vorstellung des Gesamtwerks sollen zwei Begriffe besondere Aufmerksamkeit erfahren, die von der Theorie der Natur auf die Theorie der Gesellschaft übertragen werden. Die Entsprechung von Individuum und Atom (beides in der Wortbedeutung „nicht-teilbar“) sollen als Grundlagen sowohl der materiellen als auch der gesellschaftlichen Welt nachvollzogen werden. Der Begriff des Telos aus der Kausalitätslehre des Aristoteles soll im Kontext der Naturwissenschaft als Wurzel des bonum commune, des gemeinsamen Guten oder Commonwealth, untersucht werden.

 

4. 11.: Der Philosoph der Revolution – Rousseau und die Ideen von 1789

Referent: Paul Stephan

Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) ist bis heute einer der umstrittensten Philosophen der Geschichte. Seine Schriften galten als so radikal, dass sie teilweise verboten wurden und er aus Frankreich fliehen musste. Voltaire spottete über den „petit bonhomme“ und jubelte über seinen (vermeintlichen) Tod. Nietzsche erklärte seinen Hass auf ihn, Russell galt er als Vordenker Hitlers und Stalins, heute gilt er als Rassist, Sexist und weltfremder „Sektierer“ und „Fundamentalist“.

Doch zugleich entwickelte sich schon zu seinen Lebzeiten ein begeisterter Kult um den „Bürger von Genf“, wie er sich selbstbewusst nannte. Seine Schriften erreichten europaweit ein Massenpublikum, Kant erblickte in ihm seinen wichtigsten philosophischen Lehrmeister ebenso wie die Protagonisten der Französischen Revolution, in nahezu allen Bereichen, in denen er wirkte, setzte er neue Maßstäbe.

In dem Vortrag soll gezeigt werden, dass Rousseau vor allem eines war: Der wichtigste Vordenker der Ideen von 1789 und daran anknüpfend aller Versuche, unter modernen Bedingungen eine gerechte und freiheitliche Gesellschaft zu erkämpfen. Er erkannte als einer der ersten die „Dialektik der Aufklärung“, also den hohen Preis des kapitalistischen Fortschritts, und versuchte darauf nach vorne gerichtete Antworten zu entwickeln. Sein Werk hilft so zu verstehen, dass 1789 nicht zuletzt eine Gegenrevolution war: Ein massenhafter Einspruch gegen die einseitige Form der Modernisierung, wie sie von Versailles aus betrieben wurde. Es ging darum, eine Modernisierung mit menschlichem Antlitz zu realisieren – dass dieser Versuch in ein unmenschliches Blutbad ausartete, gilt es mitzudenken.

Heute erleben wir einen erneuten Modernisierungsschub, der droht, die „Dialektik der Aufklärung“ bis zur Selbstvernichtung der Menschheit zu treiben. Die in jüngster Zeit wieder modisch gewordene Polemik gegen Rousseau flankiert diesen wiederholten Versuch, 1789 aus der Geschichte zu tilgen (vgl. Goebbels 1933), ideologisch. Eine radikale Kritik daran sollte hingegen Rousseau als wichtigen Vorreiter anerkennen.

 

11. 11.: Hegel: Über Herrschaft und Knechtschaft im Anschluss an Hegels Phänomenologie des Geistes

Referentin: Dr. Konstanze Caysa

Von dem Philosophen Pirmin Stekeler-Weithofer (Philosophie des Selbstbewusstseins), dem Dichter Durs Grünbein (Vom Schnee) und dem Philosophen Volker Caysa (Empraktische Vernunft) wurde über Herrschaft und Knechtschaft intrapersonell geforscht und geschrieben. Eine Debatte der Leipziger Analytischen Schule.

Im Zentrum der Diskussionen steht die Frage, ob Herrschaft und Knechtschaft und damit Machtverhältnisse sich generell zuallererst im Einzelnen und dem Umgang bzw. der Fähigkeit mit sich selbst souverän umzugehen, gründen. Erst dann ist es möglicherweise sinnvoll, danach zu fragen, wie interpersonelle Machtverhältnisse und Herrschaftsstrukturen für Gesellschaften, die Freiheit und Würde für jedes Individuum beanspruchen, diskutiert werden können.

 

18. 11.: F. W. J. Schelling: Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg

Referent: Alexander Görlitz

Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg“, schrieb Novalis am Ende des 18. Jahrhunderts. Zur selben Zeit beginnt Schelling als junger Professor in Jena seine akademische Laufbahn und lernt den frühromantischen Schlegel-Kreis kennen. Die Ideale der Aufklärung und des Jakobinertums fichtescher Art brechen sich in der dunklen Rhetorik und Verehrung der Kunst, die er dort antrifft und in sich aufnimmt. Doch was wird dadurch gewonnen?

Im Vortrag wird die Entwicklung Schellings von seinem „aufrechten Jugendgedanken“ (Marx) zu den identitätsphilosophischen Systementwürfen nachvollzogen. Dabei soll diese nicht biographisch, sondern philosophiegeschichtlich erzählt werden. Die transzendentale Subjektphilosophie soll in einer politischen Lesart vorgestellt werden, in der Werke wie Was ist Aufklärung? von Kant oder die Zurückforderung der Denkfreiheit von Fichte als primäre Texte der Transzendentalphilosophie und die transzendentale Logik erst als nachgestelltes Problem behandelt wird.

Der Vortrag soll aufzeigen, wie das transzendentale Paradigma in einer „Position der Unentschiedenheit“ (Odo Marquard) mündet, aus dem Schelling mit dem Konzept der Depotenzierung einen Ausweg weist. Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg und mündet – paradoxerweise – im Materialismus.

 

2. 12.: Friedrich Nietzsche – Sehnsucht nach Sinn

Referentin: Dr. Konstanze Caysa

Im Anschluss an Nietzsches Philosophie des Rausches und der Kunst, die sich in den beiden Grundpfeiler der Kunst und Kultur überhaupt gründet: im Apollinischen und im Dionysischen, soll im Vortrag der Begriff der Sehnsucht eingeführt werden.

Sehnsucht als kleine und konkrete Sehnsucht ist erfüllbar, erzeugt aber aus sich heraus den Drang, ja die Gier, mehr und immer mehr zu wollen. Die Große Sehnsucht bezieht sich auf das Leben des Einzelnen als gesamtes. Anknüpfend an Nietzsches Gedanken der kleinen und der großen Vernunft, wird hier versucht diese vernunftontologische Differenz weiterzudenken als sehnsuchtsontologische Differenz.

Nietzsche war ein Individual-Existenzial-Denker und als solcher ist er ein radikaler Denker, der immer wieder nach einem Sinn und der Möglichkeit des Menschen sinnvoll zu leben, fragt.

Im Anschluss an Nietzsche soll die Frage nach einer anderen, sinnvollen, echten, Möglichkeit menschlichen Zusammenlebens als neue Form von Gemeinschaft in den Mittelpunkt gestellt werden.

 

9. 12.: Heidegger: Die Frage nach dem Dasein in der Welt

Referent: Dr. Emanuel Seitz

Heidegger ist der große philosophische Lehrer des 20. Jahrhunderts. Kaum ein Philosoph von Rang, der nach ihm kam, war von seinen Gedanken unabhängig oder konnte ihn ignorieren. Seine weltweite, kulturübergreifende Wirkung setzte bereits zu Lebzeiten ein.

Eine seiner größten Leistungen war, dass er einem Jahrhundert, das durch Soziologie, Hermeneutik und Historismus verlernt hatte, philosophisch zu denken, wieder die Art und Weise des philosophischen Fragens beizubringen vermochte. Der Kern dieses Projekts ist die Frage nach dem Sinn von Sein und die Rückkehr zu den Ursprüngen eines Gedankens.

Seine Ontologie stellte ursprünglich das Dasein, die faktische Existenz eines Menschen, in den Mittelpunkt des eigenen Philosophierens und entwickelte sich mehr und mehr zur Frage nach dem Grund und Wesen von Sein selbst. Seine Sprache raunt mit deutschtümelnder Schwere von Sorge, Abgrund, Geviert, Befindlichkeit, Erschlossenheit und Seinsverlassenheit – ihre Leistung aber zeigt sich in völlig neuartigen Interpretationen von Kunst, Technik, Wahrheit und Wissenschaft.

 

13. 1.: Der „Philosoph der Oktoberrevolution“ – Bloch und die Ideen der Zukunft

Referent: Paul Stephan

„Denken heißt überschreiten“ – diese berühmte Formel Blochs wird von der heutigen Philosophie und Wissenschaft kaum mehr realisiert. Das Gegebene wird weitgehend hingenommen und Kritik hat „konstruktiv“ zu sein, um einen destruktiven Gesamtzustand der Welt ja nicht zu gefährden. Wenn radikale Kritik geübt wird, dann in der Form negativistischer Universalkritik, die für Bloch nicht viel mehr philosophisch ausstaffiertes kleinbürgerliches Gemecker über den Weltlauf war. Bloch wollte schonungslos die Schwächen seiner Zeit aufdecken – aber zugleich auch aufzeigen, dass es Gründe zur Hoffnung gab: die Entwicklungen der modernen Technik, die Prinzipien von 1789, das Ereignis von 1917, den Sieg der antifaschistischen Kräfte. Auf dieser Grundlage ist es für ihn nach dem Zweiten Weltkrieg möglich, in großen Schritten gen Utopia zu marschieren – es kommt nur darauf an, es nun auch zu machen und den Geist der Hoffnung immer wieder gegen den Ungeist der Angst zu verteidigen.

Seinen unerschütterlichen Glauben an den Sozialismus verband Bloch allerdings stets mit einer ebenso störrischen Insistenz auf die menschliche Freiheit, er und viele seiner Schüler waren in der DDR harten Repressalien ausgesetzt. Das brachte ihn dazu, 1961 ein weiteres Mal sein Land zu verlassen und nach Westdeutschland zu fliehen. Dort wurde er zu einer Kultfigur der Studentenbewegung und agitierte gegen die Notstandsgesetze.

Heute steht uns das Scheitern des sozialistischen Experiments noch deutlicher vor Augen als Bloch. Ein Scheitern nicht nur an der Realität, sondern vor allem auch an seinen eigenen Idealen, die Bloch in seinem Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung darzulegen suchte. Doch ehe man es darum bei einem seichten „Prinzip Verantwortung“ oder den diversen anderen ethischen Ermahnungen belässt oder sich mit dem status quo arrangiert und im „Grandhotel Abgrund“ ein Zimmer mietet, gälte es vielleicht doch, einen Blick in Blochs Schriften zu werfen. Sie handeln davon, dass der Mensch nirgendwo heimisch werden kann, solange der Traum von einer wahrhaften Demokratie unverwirklicht bleibt. Wer das Träumen verlernt, verrät seine Menschlichkeit; Wissenschaft, die nicht träumt, denkt auch nicht. Doch zugleich appelliert Bloch daran, es nicht beim bloßen Träumen zu belassen, sondern auch praktisch an der Verwirklichung der Hoffnungen zu arbeiten.

Wer mit Bloch auf die Welt blickt, wird stets beides erkennen: Gigantische dunkle Kräfte, die die Menschlichkeit bekämpfen – doch immer neue Kämpfe dagegen und kühne Experimente unterschiedlichster Art im Ringen um die menschliche Emanzipation. Wir sind mittendrin und es ist an uns, uns auf diese oder jene Seite zu schlagen.

 

20. 1.: Adorno ein Postmoderner? Zu seiner rettenden Kritik der Vernunft

Referent: Lukas Meisner

Ihm wird Elitismus und Snobismus, Pessimismus und Obskurantismus vorgeworfen und vor allem, sich im Grand Hotel Abgrund des drohenden Overkills pudelwohl eingerichtet zu haben – bis ihn die Unruhen um 1968 schließlich das Leben gekostet hätten. Die Rede ist von Theodor W. Adorno, dem Bestseller unter den Antikapitalisten, dem Star auf dem nonkonformistischen Parkett der Frankfurter Schule. Sicher: Der etablierten Intelligentsia gefällt er bis heute, weil seine „negative Dialektik“ noch das verstockteste Biedermeier ins revolutionäre Pantheon „aufzuheben“ vermag – bis seine „Methode“ in Legitimation von Doppelzüngigkeit umschlägt. Dabei war Adorno beides zugleich: sowohl Aushängeschild bundesdeutscher Bildungsbürgerlichkeit als auch konsequentester Kritiker der konsumeristischen Nachkriegszeit. Die akademische Mode unserer Epoche nun unterstellt Adornos Antipositivismus einen Hegelianismus, der dem Totalitären anhänge, weil er sich von der neomarxistischen Analyse gesellschaftlicher Totalität nicht abbringen ließ. Dabei ist sein vielleicht berühmtester (Nicht-)Begriff, nämlich der des Nicht-Identischen, eine Trutzburg gerade des radikal Singulären, des Facettenreichtums des Noch-Nicht, und des Eingedenkens des Plurals im Utopischen. Es geht Adorno also, anders als den relativistisch-relationistischen Attrappen des Differenten im Poststrukturalismus, um eine Gesellschaft, in der mensch „ohne Angst verschieden sein“ darf und kann. Was an ihm darum – in seinem eigenen Sinne – kritisch hinterfragt werden muss, ist seine partielle Wegbereitung der Postmoderne in der BRD: von der Überidentifizierung der Rationalität mit Herrschaft bis zum Rückzug der politischen Linken in Kunst und Kultur. Gleichsam bleibt im Angesicht der gängigen Verwechslung von „instrumenteller Vernunft“ mit „Vernunft an sich“ daran zu erinnern, dass Adornos Vernunftkritik das emphatisch Vernünftige retten wollte, statt es rundheraus zu verabschieden.

 

27. 1.: Marcuse: Vermittler zwischen Existenzialismus und Marxismus

Referent: Lukas Meisner

Zwischen Hegel, Marx, Freud und Heidegger, zwischen Berliner Räterepublik und US-amerikanischem Geheimdienst, findet sich ein Kritischer Theoretiker, der zunehmend tief im Schatten seiner Kollegen Adorno und Habermas steht: Herbert Marcuse. Als schärfster Kritiker sowohl des Stalinismus wie des Kapitalismus vertrat er die Hoffnung auf eine befriedete Gesellschaft und verteidigte das emanzipatorische Potenzial der Vernunft gegen die vielen Modi des Irrationalismus. Ob seine Diagnose der Eindimensionalität, der repressiven Toleranz oder des ideologischen Charakters der Produktiv- als Destruktivkräfte, Marcuses Analysen sind so aktuell wie zur Zeit ihrer Entstehung. Umso bezeichnender, dass sich mit ihm – anders als in den USA – in Deutschland kaum mehr beschäftigt wird: Man ist sich einig, seine Konjunktur sei vorbei. Ganz offensichtlich geht diese Form der Zensur auf die Hegemonie der Postmoderne zurück, in deren Bann sich das westliche Denken seit einem halben Jahrhundert befindet. Es ist keine steile These: Marcuse ist aus den meisten Curricula verschwunden, weil er als Antipode zu jener Hegemonie gelesen werden kann, und das schon aufgrund seines Bekenntnisses zu Universalismus, Autonomie und Rationalität. Da Partikularismus, Antagonismus und Affektpolitik mit ihm nicht zu machen sind, traut sich inzwischen selbst das Feuilleton kaum mehr, seine Begriffe in den Mund zu nehmen. Denn Marcuse wollte – dem frühen Marx und dem späten Oscar Wilde nicht unähnlich – eine Synthese wagen aus sozialem Individualismus und demokratischem Kommunismus. Diese Vermittlung zwischen Existenzialismus und Marxismus ist heute vielleicht die wichtigste Alternative zum postmodernen Einheitsbrei, in dem nicht nur die Kulturindustrie zu versinken droht, sondern vor allem die westliche Linke.

 

3. 2.: Gespannte Sphären. Zum Werk Sloterdijks

Referent: Dr. Michael Meyer-Albert

Peter Sloterdijk ist einer der bedeutendsten Denker der Gegenwart. In der Tradition von Nietzsche vermischt sich bei ihm die Philosophie mit der Literatur, um durch die Prägnanz von Begriffen, Metaphern, Tönen und Argumenten immer wieder die Gegenwart im Horizont der Tradition auszuleuchten und die Umrisse einer Theorie der Zivilisiertheit aus den Ansätzen einer Theorie der existenzialistischen Immunologie anzudeuten. Der Vortrag versucht in einem Überblick über das Werk Sloterdijks die entscheidenden Gedanken und Einflüsse hervorzuheben.

 

Zu den Referenten:

Konstanze Caysa ist freie Philosophin und lebt in Leipzig. Sie promovierte zum Thema Yearning bodies – a metatropy an der Universität Leipzig. 2002 bis 2010 war sie Mitglied des Vorstandes der Nietzsche-Gesellschaft. Publikationen u. a.: Experimente des Leibes (mit Volker Caysa, 2008), Nietzsche – Macht – Größe (mit Volker Caysa, 2010), Sehnsüchtige Körper – Eine Metatropie (2011), Askese als Verhaltensrevolte (2015), Denken des Empraktischen (mit Harko Benkert, 2016). Website: www.empraxis.net.

Alexander Görlitz lebt in Leipzig und ist Redakteur der Narthex. Er promoviert zur Entstehung des modernen Naturbegriffs.

Lukas Meisner ist Autor und promoviert zur Zeit in Erfurt und Venedig zur Kritischen Theorie politischer Autonomie. Kürzlich erschienen sind u. a.: Das Buch der Wüste. Jede Seite eine Düne (2019), Capitalist Nihilism and the Murder of Art (2020) und Erde im Himmel (2021). Meisner schreibt zudem für den TazBlog Kriterium. Website: http://lukasmeisner.de/.

Michael Meyer-Albert: In einem Dorf in der Nähe von Hildesheim groß geworden, Philosophie, Literatur und Geschichte in Göttingen, Wien, Hildesheim studiert, 2017 in Berlin promoviert und seitdem in Leipzig lebend und tätig.

Emanuel Seitz ist Redaktionsmitglied der Narthex. Er promovierte sich in Amsterdam bei Josef Früchtl mit einer philosophischen Studie, die 2019 bei Klostermann unter dem Titel List und Form. Über Klugheit erschien.

Paul Stephan ist Redakteur der Narthex, in Leipzig lebender Philosoph und Autor zahlreicher Aufsätze und Bücher, zuletzt Links–Nietzscheanismus. Eine Einführung und Bedeutende Bärte. Eine Philosophie der Gesichtsbehaarung (jeweils 2020).

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